Advanced Chemistry - Fremd im eigenen Land
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Advanced Chemistry – Fremd im eigenen Land

Sollte es tatsächlich irgendwann einmal ein nationales Hip-Hop-Museum geben, diese Maxisingle wäre das zentrale Ausstellungsstück. Zu Recht gilt „Fremd im eigenen Land“ von Advanced Chemistry (kurz: AC) als eine der ersten und zugleich bis heute als eine der wichtigsten Rap-Produktionen aus Deutschland überhaupt. Im selben Jahr, in dem sich Die Fantastischen Vier mit „Die da“ fröhlich in die Hitparaden pfeifen, setzen die tief in der Szene verwurzelten AC mit ihrem Schallplattendebüt einen mächtigen Kontrapunkt zum Pop-Rap – und reimen sich in die Geschichtsbücher. „Fremd im eigenen Land“ ist ein zorniges Manifest gegen Diskriminierung, Ausgrenzung und Rassismus. Damit treffen Advanced Chemistry den Nerv der Zeit, sprechen Klartext und vielen aus der Seele. Und das auf Deutsch, für jeden verständlich.

Fremd trotz grünem Pass

In ihrem Lied erzählt die bereits 1987 in Heidelberg gegründete Hip-Hop-Gruppe um die Rapper Torch, Toni-L und Linguist aus eigener Erfahrung wie es ist, als junger Mensch mit Migrationshintergrund (Haiti, Italien, Ghana) hierzulande geboren zu sein und aufzuwachsen, trotzdem aber immer noch als Fremder wahrgenommen zu werden:

„‚Gehst du mal später zurück in deine Heimat?‘
Wohin? Nach Heidelberg, wo ich ein Heim hab?
‚Nein du weißt, was ich mein‘…‘
Komm lass es sein.“

„‚Ach du bist Deutscher, komm erzähl kein‘ Scheiß!‘
Du willst den Beweis? Hier ist mein Ausweis.“

Doch auch der mehrfach besungene „grüne Pass mit `nem goldenen Adler drauf“ hilft nichts, „wenn ich in die falsche Straße lauf‘“. Es geht dann aber über die persönliche Ebene hinaus und wird – genial unterlegt von der bekannten Titelmelodie des „Spiegel TV Magazins“ –  zu einem generellen Rundumschlag gegen rechte Stammtischpolitik, Ausländerfeindlichkeit und Nationalismus. Auf das hat man gewartet: wortgewandter Deutsch-Rap mit sprachlicher Wucht und gesellschaftskritischer, politischer Note, der tatsächlich etwas zu sagen hat. Ein Sprachrohr für die aufgrund von Hautfarbe und Herkunft benachteiligten Menschen im Land. Und ein starkes Statement genau zur richtigen Zeit.

In der Fernsehsendung die Wiedervereinigung

Denn es ist 1992, als „Fremd im eigenen Land“ auf dem Hip-Hop-Label MZEE erscheint. Es ist das Jahr zwei nach der Deutschen Einheit. Und diese haben wohl auch viele Jugendliche ohne Migrationshintergrund aus der „alten“ Bundesrepublik ganz ähnlich erlebt, wie auf dieser Platte von Advanced Chemistry besungen: aus der Ferne, in der Tagesschau, mit Staunen und Freude, aber auch mit gemischten Gefühlen.

„In der Fernsehsendung die Wiedervereinigung,
anfangs hab‘ ich mich gefreut, doch schnell hab‘ ich’s bereut,
denn noch nie seit ich denken kann, war’s so schlimm wie heut‘.“

Ja, man hat sich gefreut über den Mauerfall und die friedlich erkämpfte Freiheit der Menschen im Osten. Und man ist dann aber auch schockiert, besorgt und angewidert angesichts des Gedankenguts, das im neuen Deutschland – auch im Westen – immer offener zutage tritt. Die alten Grenzen sind weg, neue werden gezogen. Deutschland den Deutschen. Während der Autor dieser Zeilen in den frühen Neunzigern in Clubs und auf Konzerten unter anderem auch die aufregende Welt von Hip-Hop und Co. für sich entdeckt, dabei ganz selbstverständlich Seite an Seite mit Menschen aller Farben tanzt und feiert, braut sich da draußen eine ganz andere, ziemlich ungute Stimmung zusammen. Es wird dunkel in Deutschland.

Der rechte Mob wütet

1991 beginnt eine ganze Serie rassistisch motivierter Gewalt. Im August 1992, während Advanced Chemistry gerade im Studio sind, wütet ein rechter Mob unter Applaus tausender Zuschauer tagelang und fast ungehindert vor einem Haus mit Asylbewerbern in Rostock-Lichtenhagen. Die Bilder gehen um die Welt: fliegende Molotowcocktails und Steine, berstende Scheiben, brennende Wohnungen, Menschen in Todesangst. Zum hässlichen Symbol wird das Bild eines offensichtlich besoffenen Mannes mit Deutschlandtrikot und eingenässter Jogginghose, der den Hitlergruß zeigt. Einen aktuellen Nachrichtenschnipsel aus diesen Tagen bauen AC dann sogar noch kurzfristig als Intro auf „Fremd im eigenen Land“ ein. Und in ihrem eigenen Text bringen sie die damaligen Zustände so auf den Punkt:

„Politiker und Medien berichten ob früh oder spät von einer ‚überschrittenen Aufnahmekapazität‘. Es wird einem erklärt, der Kopf wird einem verdreht, dass man durch Ausländer in eine Bedrohung gerät, somit denkt der Bürger, der Vorurteile pflegt, dass für ihn eine große Gefahr entsteht, er sie verliert, sie ihm entgeht, seine ihm so wichtige deutsche Lebensqualität.“

„Pogrome entstehen, Polizei steht daneben“

Befeuert von den Hetz-Headlines der Bild-Zeitung („Fast jede Minute ein neuer Asylant“) und entsprechenden Kampagnen aus der Politik entlädt sich der Frust über die ausbleibenden „blühenden Landschaften“, über Massenarbeitslosigkeit und sonstige Missstände gegenüber Asylbewerbern und allem, was fremd aussieht und eben „in Krisenzeiten die Sündenbockrolle belegt“. Der Hass wird auf die Straße getragen. „Pogrome entstehen, Polizei steht daneben.“ Asylbewerberheime werden angegriffen, Menschen sterben. Die Politik reagiert mit der Verschärfung der Gesetze. Der Asylgesetze allerdings.

„Klar, ‚Asylbewerber müssen raus‘, doch keiner macht den Faschos den Garaus.“

Fremd im eigenen Land Vinyl

Selbst wenn man als weißer Deutscher natürlich rassistische Anfeindungen nicht am eigenen Leib erlebt, kommt es zu jener Zeit schon mal vor, dass man seinen grünen Pass verdachtsunabhängig vorzeigen und seine Taschen vor der Ordnungsmacht leeren muss, auch wenn man nur zufällig am falschen Ort die falsche Frisur trägt. Und man bekommt in solchen Momenten zumindest eine ganz ganz kleine Ahnung davon, wie es für den afrodeutschen Rapper Linguist im Alltag sein mag, „Ärger zuhauf“ zu haben, „obwohl ich langsam Auto fahre und niemals sauf‘“.

Immer noch so aktuell wie damals

Mit Racial Profiling, Überfremdungswahn, Gewalt gegen Geflüchtete und Rechtspopulismus rappen Advanced Chemistry Anfang der Neunziger über Themen, die leider auch heute – fast dreißig Jahre nach „Fremd im eigenen Land“ – wieder (oder immer noch) topaktuell sind. Damals heißen die Orte Hoyerswerda, Rostock-Lichtenhagen, Mölln und Solingen, später dann Halle oder Hanau, vom NSU ganz zu schweigen…

Advanced Chemistry

Denkmal statt Charts

Nach ihrem Durchbruch und Meilenstein „Fremd im eigenen Land“ bringen Advanced Chemistry noch die Maxis „Welcher Pfad führt zur Geschichte“, „Operation § 3“ und „Dir fehlt der Funk!“ (mit Vocals von Anke Engelke!) raus, ehe dann 1995 ihre selbstbetitelte Werkschau in Form eines Longplayers erscheint, der später für hohe Summen gehandelt wird. Die Charts stürmen aber andere, auch weil AC sich und ihrer Do-it-yourself-Philosophie treu bleiben, wie Linguist später einmal in einem sehr interessanten Interview erzählt:

„Das geht auf die alten Hip-Hop-Ideale der Kontrolle zurück, der Kontrolle über dein eigenes Produkt, der Kontrolle über dein Selbst. Das geht darauf zurück, die Macht zu behalten, die Definitionsmacht. Dein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen, dein Business selbst zu machen, deine Platte selbst rauszubringen, dich selbst darzustellen. Das war ja ein Gesamtkonzept bei uns. Wir haben ja alles selbst gemacht. Alles. (…) Wir haben immer gesagt: Wir können das! Natürlich können wir’s. Das ist Hip-Hop.“

Die deutsche Hip-Hop-Szene geht danach die unterschiedlichsten Wege, die einen machen auf lustig, die anderen auf Getto. Und das große Rap-Geld wird dabei gewiss nicht in Heidelberg gemacht. Aber die Denkmäler werden einmal dort stehen.

Advanced Chemistry aus Heidelberg

Immer noch voll Hip-Hop

Was aus den Kernmitgliedern von Advanced Chemistry geworden ist? Linguist ist tatsächlich heute Professor für Linguistik (in Hongkong)! Torchmann alias Haitian Star ist nach wie vor in der Szene aktiv als „Torch, der einzige Rapper, der nie kifft“. Und Toni-L, der ehemalige Koch, ist längst der selbsternannte „Funkjoker“ und immer noch mit Haut und Kappe so sehr Hip-Hop, wie man nur Hip-Hop sein kann. Immer noch der guten und wahren Rap-Sache verpflichtet, immer noch fleißig am Platten machen, immer noch am Auftreten – und das nicht nur auf den großen Bühnen. Denn wie sein Gefährte Torch einmal über sich und die alte Crew rappte:

„Aus Jux treten wir noch manchmal auf im JUZ,
wenn `ne andere Band nicht kann, vor 20 Mann, aber wen juckt‘s?“

Ja, man hat Toni-L tatsächlich schon vor 20 Mann auftreten sehen, im JUZ. Beim Hip-Hop-Jam zu später Stunde, als die jugendlichen B-Boys und -Girls schon im letzten Zug nach Hause saßen und der Funkjoker dennoch vor ein paar vorwiegend alten Hasen das Jugendhaus genauso gerockt hat als stände er in einer vollen Halle daheim in Heidelberg. Mit Rap-Skills, mit denen er den meisten seiner Nachfolger locker noch zeigt, wo der Barthel den Most holt.

Funk You Very Much

Live stets lässig: Funkjoker Toni-L

Und auch auf szeneuntypischem Terrain gibt Toni-L die Rampensau, wie vor ein paar Jahren beim Kulturufer in Friedrichshafen, wo er bei einem Freikonzert mit seiner improvisierten Hip-Hop-Show für die ganze Familie rasch auch die Laufkundschaft an der Seepromenade für sich gewinnt und Jung und Alt, Klein und Groß, Rap-Fan und Hippie nach seinem Sprechgesang tanzen lässt – ganz oldschool und in bester Blockparty-Manier. Der Typ hat’s einfach drauf, auch fast drei Jahrzehnte nach „Fremd im eigenen Land“.

Fester Platz im Hip-Hop-Museum

Und – wer weiß – vielleicht ist es ja in 30 Jahren dann endlich so weit, dass es solche Songs wirklich nicht mehr braucht. Dass sich die Botschaft des berühmtesten Advanced-Chemistry-Stückes ein für alle Mal erledigt hat und die Platte nur noch ein Fall fürs Hip-Hop-Museum ist. Die Hoffnung stirbt jedenfalls zuletzt.

  • Vinylcheck:
    Titel: „Fremd im eigenen Land“
    Interpret: Advanced Chemistry
    Label: MZEE Records
    Pressung: 1992
    Bezugsquelle: Nachträglich Discogs, da seinerzeit nur die Maxi-CD gekauft.
    Genre: Deutsch-Rap
    Platz im Plattenregal: neben „Gotting“ von Absolute Beginner und den ganzen Toni-L-Solosachen
    Polit-Faktor: zehn von zehn
    Angeber-Faktor: wichtige und auch rare Platte, also hoch
    Musikalischer Anspruch: Inhaltlich leider immer noch so relevant wie damals, aber auch musikalisch jederzeit hörbar, was man nicht von allen frühen Deutsch-Rap-Produktionen behaupten kann.
    Anspieltipp: „Fremd im eigenen Land“ natürlich, aber auch die B-Seite („Ich zerstöre meinen Feind“) ist ein Klassiker.
    Wert laut discogs.com: Im Schnitt wurden für die Platte rund 50 Euro bezahlt, aktuell liegen die Angebote zwischen 63 und 370 Euro.

 

 

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