Eros Ramazzotti
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Eros Ramazzotti – In Certi Momenti

Jede und jeder hat sie: Schallplatten, die einem im Nachhinein echt peinlich sind. Dabei sind diese „peinlichen Platten“ meist gar nicht so peinlich. Die DJ-Bobo-CD aus dem Kinderzimmer? Ach komm schon, kein Ding. Das Boygroup-Album aus den Neunzigern? Schwamm drüber. Jugendsünden dieser Sorte sind schnell dahingebeichtet und im selben Augenblick schon wieder weggekichert, vergessen und vergeben. Nix, wofür man sich schämen müsste, man war ja sehr jung und vielleicht halt tragischer Weise auch noch in den einen oder anderen Sänger verliebt.

Dieses Geständnis kostet Überwindung

Das folgende Geständnis jedoch kostet weit mehr Überwindung, denn es geht nicht etwa um New Kids On The Block, die Backstreet Boys oder Samantha Fox, sondern um… Eros Ramazzotti. Ein Mann, für den das Prädikat Schmusesänger erst erfunden wurde, römischer Liedermacher mit Themenschwerpunkt Amore, ewiger Frauenschwarm und Italiens Pop-Exportschlager Nummer eins, der seine Alben multimillionenfach weltweit verkauft.

Warum ausgerechnet Eros Ramazzotti?

Aber doch nicht allen Ernstes an einen Teenager, der eigentlich cool sein möchte und bei dessen noch kleiner Musiksammlung jeder Neuzugang sorgsam überlegt sein will. Warum bloß holt sich ein immerhin schon 14-Jähriger (mit seinem eigenen Taschengeld!) ausgerechnet eine schnulzige Eros-Ramazzotti-Platte (und lässt die unbedenklichere Option Gianna Nannini stehen)? Und um ganz ehrlich zu sein: Es sind sogar zwei Eros-Scheiben… Nach „In Certi Momenti“ kam noch „Musica è“ dazu. Macht den Bock vielleicht auch nicht mehr fett, aber nun liegen die Karten eben offen auf dem Tisch.

Musica e

Spöttische Blicke im Plattenladen

Also nochmal: Warum nur traut sich ein Junge vom Land, in einem engen Plattenladen voller langhaariger Rockfans seine hart ersparten 16 Mark 90 auf den Tresen zu legen, um unter dem klammheimlichen Spott der anwesenden Iron-Maiden-Typen den Ort des Geschehens mit einem total uncoolen Ramazzotti-Album zu verlassen?

Deutsche Übersetzung inklusive

Gut, man könnte nun mit Verweis auf den jährlichen Familienurlaub an der Adria über den Verwendungszweck der LP sagen: zum Italienischlernen natürlich, mit Musik geht das viel besser, zumal der Scheibe ja tatsächlich eine deutsche Übersetzung der Liedtexte beigelegt war (Das haben doch sonst nur BAP gemacht, oder?). Aber nein, auch dieses Alibi läuft leider ins Leere, denn der italienischen Sprache hat den Blogger weder „In Certi Momenti“ noch „Musica è“ entscheidend näher gebracht.

Textblatt

Verblasste Erinnerungen

Die wahren Gründe hinter der Kaufentscheidung sind also bis heute im Unklaren geblieben. Oder trug es sich doch ganz anders zu? Waren es vielleicht nur – genau, das Christkind war’s! – ungebetene Weihnachtsgeschenke? Netter Versuch, aber dagegen spricht zumindest in einem Fall der noch vorhandene Preisaufkleber. Mhm.

Im Kinderzimmer „vergessen“

Verblasst sind allerdings auch die Erinnerungen an die Musik selbst, denn allzu oft, das beweist der absolut tadellose Zustand von Cover und Vinyl, lagen die Scheiben dann wohl doch nicht auf dem Plattenteller. Und beim Auszug aus dem Elternhaus wurden sie einfach neben ein, zwei weiteren Vinyl-Kuriositäten im Kinderzimmerschrank „vergessen“ – so nach dem Motto „Aus den Augen, aus dem Sinn“ – und erst jetzt zufällig wieder entdeckt und herausgeholt. Nun haben auch sie einen regulären Platz im Plattenregal bekommen und erhalten dort ihr Gnadenbrot. Denn inzwischen dürfte auch diese etwas heiklere Teenagersünde verjährt sein, und am eigenen Italienisch könnte man ja anhand des Textblattes vielleicht doch endlich mal ein bisschen feilen. Aber dann ohne die Musik dazu.

  • Vinylcheck:
    Titel: „In Certi Momenti“ und „Musica è“
    Interpret: Eros Ramazzotti
    Label: DDD
    Pressung: 1987 bzw. 1988
    Bezugsquelle: Plattenladen
    Genre: Italo-Pop
    Platz im Plattenregal: lange gar keinen, nun gut versteckt hinter den Jovanotti-Scheiben
    Nerd-Faktor: eine von drei Kugeln Stracciatella-Eis
    Angeber-Faktor: zero
    Musikalischer Anspruch: Wie laut.de über Herrn Ramazzotti schreibt: „Mit einer gut kalkulierten Mischung aus sauber produziertem Pop, schmalzigen Liebestexten, einer nasalen Stimme und einer nicht zu übersehenden Attraktivität gehört er (…) zu den bekanntesten und erfolgreichsten Gestalten der Musikszene.“ Na also.
    Anspieltipp: „Musica è“ vielleicht (siehe oben), ein elfminütiges Epos in der Tradition von John Miles & Co. und auch nicht schnulziger als „Bohemian Rhapsody“
    Wert laut discogs.com: im Schnitt für etwa zwei Euro zu haben
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