David Holmes - This Film's crap let's slash the Seats
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David Holmes – This Film’s crap let’s slash the Seats

Dieser Film ist Mist, lasst uns die Sitze aufschlitzen. Toller Albumtitel für einen der vielen wilden Genre-Bastarde der Mittneunziger. Ein musikalischer Grenzgänger mit rauen Szenenwechseln und einer zeitgenössischen Gemengelage aus Techno, Big Beat, Electronica und Trip Hop. Free your mind, baby. Der Mann dahinter: David Holmes aus Belfast, der sich eigentlich in erster Linie als Komponist von Filmmusik (Soderberghs „Ocean‘s“-Reihe) einen Namen gemacht hat. Doch auch seine Debüt-LP ist schon eine Art Soundtrack und fühlt sich an wie eine Wochenendnacht aus einer Epoche, in der fast alles möglich ist. Eine Zeitreise…

1995 – ein guter Jahrgang

1995. Das wird ein guter Jahrgang, Mann. Obwohl erst sechs Monate alt. Vinylklassiker im Wochentakt bisher. Leftfield, Tricky, Mad Professor vs. Massive Attack und einige mehr haben schon mal heftig vorgelegt. Und nun David Holmes. Platte auf den Technics. A-Seite. „No Man’s Land“. Niemandsland. Ein düsterer Opener. Glockenläuten, schwere Stimmung. Dann Beats, getrommelt in militärischem Rhythmus. Eine zwölfminütige Drohkulisse baut sich auf – sodass „man Zweifel hat, heute Nacht unversehrt nach Hause zu kommen“, schreibt die „Frontpage“ über mein Warm-up für den Club.

„Slash the Seats“ auf MTV

Aber okay. Sowieso noch viel zu früh fürs Weggehen. Ein bisschen fernsehen. VIVA. Mate Galic und Sabine Christ spielen elektronische Tanzmusik, drüben auf MTV läuft der Acid Big Beat von „Slash the Seats“. Yeah. Kopfnicker. Ready to go. Eintauchen in die Nacht.

Nebel, Strobo, Bassdrum

Am Club angekommen. „Shake Ya Brain“ wummert dumpf im Viervierteltakt nach draußen. Bum tschak bum tschak. Drinnen. Die Nebelmaschine macht alles dicht. Der Duft der Neunziger. Der DJ irgendwo im Dunkeln, der Dancefloor schemenhaft. Im Stroboskop-Gewitter pumpt sich der hypnotisierende Techno von „Minus 61 in Detroit“ zum Höhepunkt. Schreie, Jubel. An schwitzenden, tanzenden Körpern vorbei. Verschluckt von einem langen Flur, der in den Chillout mündet. Das triphoppige Vocalstück „Gone“ fährt einen herunter. I’m gonna hide if she don’t leave me alone. I’m gonna run away. Deep. Perfekte Steilvorlage für einen grandiosen Kruder-und-Dorfmeister-Remix, der aber – Zeitsprung – ja leider erst im Folgejahr rauskommen wird.

Gone - Kruder & Dorfmeister Remix

Stattdessen läuft als nächstes „The Atom and You“, das nach ewigem Intro zum mächtigen Downbeat-Finale aufspielt. Ja, jetzt kann Elvis das Gebäude verlassen.

Heimfahrt im rostigen Toyota, das sphärische „Inspired By Leyburn“ fiepst im Tapedeck. Gleiten durch leere Straßen, vorbei an hochgeklappten Bürgersteigen. Blaulicht. Taschenlampe ins Gesicht. War ja klar. Fahrzeug- und Drogenkontrolle. Nix genommen, nix dabei, alles sauber. Glauben mir nicht, schauen nach. Nix gefunden. Hab ich doch gesagt, Mann.

Zuhause. Glotze an. Space Night

Zuhause. Pfeifen im Ohr. Glotze an. Space Night auf Bayern 3. Der blaue Planet von oben. Vollkommenheit, Frieden, Downbeats. Letzter Track der Nacht: „Coming Home to the Sun“. Draußen tatsächlich schon Dämmerung. Die Vögel zwitschern. Endlich schlafen. Aus der Ferne Glockengeläut. Alles gut.

David Holmes auf Vinyl

  • Faktencheck:
    Titel: „This Film’s crap let’s slash the Seats“
    Interpret: David Holmes
    Label: Go! Discs
    Pressung: 1995
    Bezugsquelle: Plattenladen
    Genre: Techno/Electronica/Big Beat/Trip Hop
    Platz im Plattenregal: zwischen Leftfields „Leftism“ und „Clear“ von Bomb the Bass
    Nerd-Faktor: ordentlich, da immer so ein bisschen ein Geheimtipp geblieben und bis heute noch nie nachgepresst
    Angeber-Faktor: dito
    Musikalischer Anspruch: auch mit fast 25 Jahren Abstand noch lockere sechs von zehn Punkten
    Anspieltipp: „Gone“
    Wert laut discogs.com: ab rund 13 Euro geht’s los
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