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The Winstons – Amen, Brother

Tausendfach gesampelt und trotzdem ewig jung geblieben: Vor 50 Jahren versteckten die Winstons den besten Beat der Welt auf einer B-Seite – den „Amen“:

Bei der Frage „Welchen Beat würdest du auf eine einsame Insel mitnehmen?“ läuft wohl alles auf einen Zweikampf hinaus: zwischen dem „Apache“-Break in der Version der Incredible Bongo Band – laut Kool DJ Herc ja die Nationalhymne des Hip-Hop – und dem Schlagzeugpart aus dem obigen Stück „Amen, Brother“ der Winstons (ab Minute 1:26). Während sich der Apache als genreübergreifende Allzweckwaffe für ein knackiges Beatgerüst unsterblich gemacht und unzähligen Rap-Tracks den nötigen Groove gegeben hat, war der Amen musikhistorisch gesehen vielleicht der noch größere Geniestreich unter den beiden Klassikern. Schließlich gäbe es ohne diese vier Takte aus einer einst völlig unbeachteten 1969er-B-Seiten-Nummer (die A-Seite „Color Him Father“ heimste dagegen einen Grammy für den besten R&B-Song des Jahres ein) keinen Jungle und keinen Drum&Bass, wie wir ihn kennen.

Quell Tausender Breakbeat-Tracks

Denn im Grunde sollte jener Rhythmus gut zwei Jahrzehnte nach seiner Aufnahme zur Blaupause für ganze Generationen von Breakbeat-Tracks werden. Winstons-Drummer Gregory Coleman, der dieses fette Beatmonster aus dem Ärmel schüttelte, hatte damals natürlich noch keinen Schimmer, was der unglaublich kraftvolle Groove seines kurzen Schlagzeugsolos einmal anrichten würde: Dass dieser Songschnipsel N.W.A.s Gangsta-Rap „Straight outta Compton“ ebenso tragen sollte wie Baby D.s Dancefloor-Klassiker „Let me be your Fantasy“ oder Shy FX‘ Jungle-Hit „Original Nuttah“. Und auch für die neueren Drum&Bass-Produktionen gilt: Ein Amen zwischendurch ist immer wieder gerne gehört.

Kein Ruhm für den Schlagzeuger

Klar ist also: In einer gerechten Welt hätte Gregory Coleman ein Denkmal, einen Haufen Kohle oder zumindest einen Lifetime-Award für „Amen, Brother“ bekommen müssen. Aber – das ist die Tragik der Geschichte – nichts von alledem wurde dem guten Mann zuteil. Ein armer Schlucker sei er gewesen, heißt es, als er 2006 das Zeitliche gesegnet hat. Vom späten Ruhm seines Handwerks hat er wie seine Kollegen rein materiell nicht profitiert – ein Eintrag in den Geschichtsbüchern ist ihnen gleichwohl gewiss. Und – freilich zu spät für Coleman – kam dann vor ein paar Jahren per Crowdfunding zumindest ein symbolisches Sümmchen für die Urheber des Groovemonsters zusammen.

Vier Takte für die Ewigkeit

Wer mehr darüber wissen will: Es gibt unter anderem ein Erklärvideo sowie ein Tutorial für ambitionierte Drummer zum Nachspielen des Amen Breaks. Und eine ganz interessante Hintergrundgeschichte über den King of the Beats, „diese sechs Sekunden purer Rhythmus“, hat Spiegel Online („Vier Takte für die Ewigkeit“) ins Netz gestellt und dessen ungebrochene Faszination dabei korrekt auf den Punkt gebracht:

„Kein Basslauf, keine Percussion, nichts stört, vier Takte purer Groove. Seine ganze Magie entfaltet der „Amen Break“ aber erst, wenn man ihn in unterschiedlichen Geschwindigkeiten abspielt. Verlangsamt wird der Beat zu einem Kopfnicker – unglaublich massiv und druckvoll. Beschleunigt man die vier Takte, entwickeln sie plötzlich eine schwingende Leichtigkeit, die in die Beine geht. Und dann ist da noch dieser verflixte vierte Takt: Dieses Stolpern, diese gewollte Verzögerung, das Warten der Bass Drum, das mit einem scheppernden Schlag auf das Becken gekrönt wird – es ist eine Konstruktion, in der man sich verlieren kann.“

Word.

  • Faktencheck:
    Titel: „Color Him Father“ / „Amen, Brother“
    Interpret: The Winstons
    Label: Metromedia Records
    Pressung: 1969
    Bezugsquelle: Discogs
    Genre: Funk, Soul
    Platz im Plattenregal: in der 7“-Kiste, aber eigentlich sollte man sich die Scheibe einrahmen
    Nerd-Faktor: hoch, weil Originalpressung, auch wenn mein Exemplar rauscht wie die Sau
    Angeber-Faktor: hey, US-Import aus North Carolina!
    Musikalischer Anspruch: zeitlos
    Anspieltipp: „Amen, Brother“
    Wert laut discogs.com: Zwischen sechs und 50 Euro für die US-Pressung, für die deutsche Pressung werden dagegen bis zu 125 Euro aufgerufen, und ein australischer Verkäufer möchte mehr als 400 Euro für die Down-under-Version haben.
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