James Last - Happy Brasilia
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James Last – Happy Brasilia

Es gibt ja diesen typischen Einstieg bei vielen Musiker- und DJ-Biografien, die der Leserschaft klarmachen soll: Hey, der Typ war schon immer eine coole Socke. Also Floskeln wie „von der Mutter als Baby auf Punkkonzerte mitgeschleppt“ oder „bereits im Kindergarten Kraftwerk-Fan gewesen“. Bei mir würde da eher stehen: „Hat früh schon die väterlichen James-Last-Platten in den Händen gehabt.“

James als Cowboy oder auf hoher See

In erster Linie wegen der Cover natürlich – auch wenn ich am Sound als kleiner Bub nichts groß auszusetzen hatte. Aber schon rein visuell waren seine musikalischen Motto-Shows auf Vinyl einfach ganz großes Super-8-Heimkino: James Last als Kapitän, James Last als Cowboy, James Last vorm Kreml, im Disco-Fieber, am Strand, in Schottland, auf dem Traumschiff oder im Allgäu. Und: James Last auf Jamaika.

James-Last-Diskografie

Funky Reise um die Welt

Der Bandleader der Nation nahm die kleine bundesrepublikanische Seele sanft an die Hand und mit auf die Reise um die große weite Welt und sorgte für den Soundtrack der Feste im heimischen Partykeller. Drinks aus der Hausbar, auf dem Plattenteller die Scheiben der „Non Stop Dancing“-Serie mit Tanzhits in kompakter Medley-Form. Der Rundum-Sorglos-Mix für die Heimdisko. Immer funky, aber nie so sehr, um damit die Schlagerkundschaft zu verprellen.

Godfather des Easy Listening

Dabei kam Hans(i) Last, so sein bürgerlicher Name, selbst ja aus der Jazz-Ecke, ehe er dann zum Meister des selbsternannten „Happy Sounds“, zum „Weltrekordler der leichten Muse“ und damit zum Godfather des Easy Listening aufstieg. Als lässiger Frontmann und Kurator ließ er seine Big Band durch die ganze Musikgeschichte jammen. Und er knöpfte sich alles vor: James Last spielte Mozart, Tango und Polka. James Last orchestrierte seine eigene Version des „Hair“-Musicals oder des Isaac-Hayes-Klassikers „Theme from Shaft“. James Last coverte die Beatles und Bob Marley.

James Last plays Reggae

Ja, richtig gelesen. Bob Marley. Und das schon zu dessen Lebzeiten, anno 1980. „Caribbean Nights“ heißt die LP, die auch im Plattenschrank des Autors steht. In erster Linie wegen des Covers natürlich – auch wenn ich am Sound nichts groß auszusetzen habe. Da gibt es wahrlich hüftsteifere Reggae-Reminiszenzen. Mit Blick auf die doch ziemlich freizügige Schallplattenhülle empfiehlt der hauseigene Jugendschutzbeauftrage aber vorsichtshalber: Lieber verlinken als hier ganz zeigen.

James-Last-Platten

Platten ohne Ende

Den Taktstock nonchalant zwischen den Fingern und immer ein Lächeln im ziegen- oder zuletzt schnurrbärtigen Gesicht spielte Hans Last mit seinem vielköpfigen James Last Orchester seit den Sechzigern wie am Fließband eine Scheibe nach der anderen ein, verkaufte davon unglaublich viele Kopien, war trotzdem zwischendurch fast pleite, wie es hieß, kriegte aber die Kurve und konnte sein Häuschen in der Wahlheimat Florida behalten. Bis zuletzt stand der ewige Bandleader noch auf der Bühne, ehe er Mitte 2015 mit 86 Jahren starb und eine Diskografie musealen Umfangs hinterließ.

Auf jedem Flohmarkt wird man fündig

Sage und schreibe über 700 Releases listet Discogs unter seinem Namen auf. Vinyl, das sich dort und auch auf Flohmärkten zuhauf zu Schnäppchenpreisen finden und das Sammlerherz höher schlagen lässt. In erster Linie wegen der Cover natürlich – auch wenn der Sound… Ihr wisst schon. Immer happy und geschmeidig, meist ohne Ecken und Kanten, schließlich war Last ein Entertainer für die breite Masse. Diesen Job machte er perfekt, und der Erfolg auf dem Dancefloor gab ihm stets Recht.

Mit James Last um die Welt

Überraschende Perlen

Andererseits verstecken sich zwischen all den Weichspülgrooves auch immer wieder kleine Perlen und überraschende Fundstücke. So ließ James Last bei „Happy Brasilia“ – zu finden auf der LP „Beachparty“ von 1970 oder auch auf separater Single – knapp zweieinhalb Minuten lang (beziehungsweise kurz) völlig ungehemmt die Sau raus und schaffte es mit der trillernden Percussion-Orgie unter anderem auf eine der in den Neunzigern hoch angesagten „Mojo Club“-Compilations und damit tatsächlich auch in meinen DJ-Koffer.

Ein Zehner für den DJ

Nette Anekdote am Rande: Als ich das Ding im Club auflegte, steckte mir ein tanzwütiger und euphorisierter Gast einmal als Dank kurzerhand einen Zehn-Mark-Schein zu – und das sicher nicht in erster Linie wegen des Covers. Ich glaube, Hans Last hätte das gefallen.

  • Faktencheck:
    Titel: „Happy Brasilia / El Condor Pasa“
    Interpret: James Last
    Label: Polydor
    Pressung: 1970
    Bezugsquelle: Discogs
    Genre: Happy Wildsau Sound
    Platz im Plattenregal: in der 7-Inch-Kiste, gleich hinter den Winstons
    Nerd-Faktor: Hey, auch die Beastie Boys sind bekennende James-Last-Fans!
    Angeber-Faktor: so mittel
    Musikalischer Anspruch: 5 von 5 Trillerpfeifen
    Anspieltipp: „Happy Brasilia“
    Wert laut discogs.com: Für einen einstelligen Eurobetrag in gutem Zustand zu haben.
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